Zurück

Die Geschichte der japanischen Trommel

 

Die Beschwörung der Taiko, der Ursprung bei den Göttern

„Der Affe, der Däumchen dreht, griff nach Dingen, schwang sie, warf sie fort oder schlug sie. So kam er mit Holz, Stein, Feuer und Wasser in Berührung und lernte zu beten.

Alsdann erfand er Dinge und schuf sich Götter.

Der betrübte Affe fällte einen Baum, höhlte ihn aus und hatte zunächst etwas geschaffen, das so zu nichts nütze war. Es konnte kein Gefäß daraus werden, und auch als Sarg war es nicht zu gebrauchen. Zum Anbeten ungeeignet, zum Verbrennen zu schade........

Unzufrieden mit dem Holzrohr, zog er ihm ein Fell über.“

 

Trommeln ? Taiko?

Was ist es, dass den Menschen auch heute noch im Zeitalter der Hochtechnologie aufhorchen lässt, wenn in seiner Umgebung eine Trommel ertönt?

Puls, Schwingung, Urrhythmus!

Was ist das erste, dass der Mensch wahrnimmt? Nicht wenn er in die Welt geboren wird, sondern früher, noch im Leib der Mutter.

Puls, Schwingung, Urrhythmus?

Das Sein eines Menschen beginnt umgeben vom Strom des Lebens, der um ihn herum und durch ihn hindurch gepumpt wird, mit dem einen, dem wirklichen Rhythmus, der sein Leben vom Beginn seiner weltlichen Existenz bis zu seinem Tod bestimmt.

Reduziert man die musikalischen Ausdrucksmittel auf die Parameter Rhythmus und Klang und konzentriert sich dabei auf die elementare Kraft der Schwingung, erhält man „die“ Trommel.

Die eine, die besondere Trommel, die angetrieben wird vom Herzschlag, vom Puls, vom Urrhythmus, die geschlagen wird, um Götter, Geister, Dämonen aber auch Menschen gleichermaßen in ihren Bann zu ziehen und zu beschwören.

In Japan, dem Reich der Sonne, ist die Trommel, dort Taiko genannt, schon in den animistischen und schamanistischen Kulturen der Frühzeit ein bedeutsames Klanggerät.

 

Nur eine märchenhafte Geschichte?

Es war zu einer Zeit, in der es noch keine Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit gab.

In der Zeit, als die Götter noch über die Erde herrschten, lebte in Japan die Göttin der Sonne.

Sie trug den Namen Amaterasu, und ist im Glauben der Japaner eine direkte Vorfahrin des japanischen Kaiserhauses. Sie liebte den Frieden und war eine leuchtend schöne Frau. Wenn sie über das Land schritt, wurde alles hell und warm.

Ihr Bruder hingegen war ein Gott der dunklen Seite der Macht und zur sinnlosen Gewalttätigkeit neigend. So verbrachte er die meiste Zeit damit, die Lebewesen auf Erden zu quälen und zu töten. Oft wurde er von seiner Schwester, die seine Taten zutiefst verabscheute, vor den anderen Göttern zur Rede gestellt und getadelt. Doch er lachte seine Schwester nur aus und ging weiter seine bösen Wege.

Als er es nun eines Tages besonders wild trieb, beschloss Amaterasu in ihrer Ohnmacht  sich angesichts der Taten ihres Bruders von der Erde zurückzuziehen und fortan in einer tiefen dunklen Höhle zu leben.

Als sie in der Höhle verschwunden war, wurde die Erde augenblicklich in absolute Dunkelheit und Kälte getaucht, und die Götter der Zerstörung und Trauer übernahmen fortan die alleinige Herrschaft.

Solange die Göttin der Sonne auf der Erde wandelte, gab sie mit ihrer Anwesenheit allem Leben Wärme und Licht. Eine Vielzahl der Götter benötigten diese Wärme und das Licht, die sie nährten und kräftigten.

Legte sich die Sonnengöttin schlafen wurde es zwar dunkel, und die Götter der Finsternis konnten über das Land streifen und sich ihre Opfer suchen, aber es blieb immer soviel Licht, um eine Herrschaft der Finsternis in Grenzen zu halten.

Ein ständiger Kreislauf zwischen Hell und Dunkel, der nun aus dem Gleichgewicht geraten war.

Viele der Götter, die das Licht zum Überleben brauchten, wurden krank und kraftlos. Und zunächst waren die Götter der Finsternis über diese Tatsache erfreut. Hatten sie doch im Kampf gegen ihre Gegner von der hellen Seite der Macht nun leichtes Spiel. Schnell jedoch stellte sich auch bei ihnen Unlust ein. Der Kampf gegen einen kranken und hilflosen Gegner machte weder Spaß, noch brachte er Ruhm und Ehre ein.

Unter den Göttern machte sich also eine allgemeine Missstimmung breit und nach und nach begannen alle  sich nach dem Licht, der Wärme und somit auch nach der Sonnengöttin zu sehnen.

Selbst ihr gewalttätiger Bruder bereute seine Taten und hoffte  seine Schwester möge wieder aus der Höhle steigen. Aber alles Bitten wieder zu erscheinen, stieß bei der Sonnengöttin auf taube Ohren.

Da alles nichts half, hielten die Götter am Ufer des heiligen Flusses "Amano yasukawa no kawara" eine Versammlung ab. Und dem Vorschlag eines Gottes folgend, beschloss man die Göttin mit einer List aus ihrer Höhle zu locken.

Unweit des Höhleneingangs wurde eine Lichtung mit Hilfe ritueller Handlungen zu einem Tanzplatz umgewandelt. Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, begannen die Götter beschwörende Formeln zu sprechen und begleitet vom dumpfen Klang großer Taikos begann eine der Göttinnen  mit den Füßen auf den Boden zu stampfen, zu trampeln und einen immer wilder werdenden Tanz zu tanzen. Bei diesem Anblick brachen alle anwesenden Götter in tosendes Gelächter und Gebrüll aus. In der Höhle wurde Amaterasu auf das Spektakel vor dem Eingang aufmerksam und fragte sich, warum wohl alle so fröhlich waren, obwohl die Erde in Dunkelheit lag.

Als sie an den Eingang schlich um sich Klarheit über das Verhalten der anderen Götter zu verschaffen, wurde sie von dem stärksten der Götter gepackt und ins Freie gezerrt. Augenblicklich wurde es wieder hell und warm auf der Erde.

Die Taiko, die maßgeblich zum Erfolg der List beigetragen hatte, galt fortan als Symbol der Sonnengöttin. Und  Angesichts einer dieser O Daikos, die mit einem Durchmesser von bis zu 2,70 m über den Köpfen der Trommler auf ihrem schweren Ständer ruht und trotzdem zu schweben scheint, wird dieser Glaube leicht nachvollziehbar.

Diese Geschichte wird auch heute noch in Japan als die Entstehungsgeschichte der Taiko und ihrer Rhythmen erzählt.

Und seit jener Zeit glauben die Japaner daran, dass man  mit Hilfe des Stampfens und Trampelns sowie anderer auf Trommeln geschlagener Rhythmen, die Götter für die eigenen Wünsche einnehmen kann.

Der Mythos um die Sonnengöttin spiegelt sich heute besonders in zwei Festen, dem "Ken name sai" und dem "Shikinensencho" wieder, die in alter Tradition bei der "Ise Heiligenstätte" abgehalten werden.

In der Geschichte um die Sonnengöttin wird mit der Erwähnung des Shintoismus bereits ein Hinweis auf eine der beiden Hauptreligionen Japans gegeben. Der Shintoismus ist ohne Zweifel neben dem Buddhismus richtungsweisend für die Entwicklung des japanischen Trommelns.

Der Shintoismus - Weg der Götter - ist die Urreligion Japans und existiert als organisiertes Glaubens- und Ritensystem etwa seit dem Beginn unserer Zeitrechnung. In seiner frühen Form war der Shintoismus, wie wir heute sagen würden,  lediglich eine "primitive Naturreligion":

Er war charakterisiert durch den Glauben an unzählige Gottheiten. Die wichtigsten waren und sind dabei "Mutter Erde" und "Vater Himmel", die neben den japanischen Inseln auch alle anderen Götter geschaffen haben. Jeder Fluss, jeder See und jedes Meer hat seinen eigenen Gott. Jeder Berg und jede andere Naturerscheinung wird von einer anderen Gottheit bewacht und beherrscht.

 „Du Trommel, läufst schneller als der Mensch und erreichst auch Fernen, wohin die Stimme nicht gelangt. Du kannst Freude und Trauer bringen. Warum kannst du die Menschen derart aufregen? Warum konzentriert sich die Macht auf denjenigen, der die Trommel schlägt? Warum unterwerfen sich die Menschen diesem Klang? Du bist Mond und Sonne, Mutter und Vater. Regelst Ernte und Wiedergeburt. Schlägst Brücken zwischen dieser und jener Welt. Hast böse Geister vertrieben und Krankheiten geheilt. Du siehst Freud und Leid der menschlichen Welt. Dort, wo du geboren wurdest, erblühte die Zivilisation - durch dich zum Tanzen gebracht - ging sie zugrunde.“

 Zur Kontaktaufnahme mit den Göttern wurden Rituale und Zeremonien benutzt die genauso zahlreich waren wie die Götter an die sie sich richteten.

Als wichtigste Schöpfung von "Mutter Erde" und "Vater Himmel" wird die Göttin "Amaterasu Omikami" - Himmelsscheinende  große Gottheit - angesehen.

Sie wurde ins Firmament entsandt und zur Göttin der Sonne ernannt. Von dort schickte sie ihre Nachfahren zur Erde. Jeden auf eine andere Insel, wobei diese Inseln später gemeinsam das japanische Reich bilden sollten.

Angesichts dieser mythologischen Vorstellung, der zufolge die Sonnengöttin eine wesentliche Rolle in der Entstehungsgeschichte Japans und der Errichtung der kaiserlichen Linie spielte, wird gerade dieser Gottheit mit einer Vielzahl von Festen gedacht.

Und fast immer werden die Shintorituale vom Klang der Taikos begleitet.

Im Gegensatz zu den fröhlichen Trommelrhythmen, die die Japaner zu rein unterhaltsamen Anlässen spielen, war das ursprüngliche Trommeln der Ritualhandlungen einfach und bedrückend. Es sollte die Rituale und Gebete der Priester unterstützen und tragen. Das Ziel war es, die Götter mit starken Schlägen zu wecken, mit gleichmäßigen, nicht zu lauten Schlägen, die das Gebet begleiten, zu interessieren und mit einer harmonischen Schlagweise etwas von ihnen zu erbitten.

Dabei wurden zu allen Zeiten die Empfindungen, die der Mensch bei stattfindenden Naturereignissen wahrnahm, verarbeitet und umgesetzt.

Oft hing von der Bitte, die die Menschen den Göttern antrugen, das Leben und Wohlergehen ganzer Dorf- und Lebensgemeinschaften ab. Aus diesem Grund ist ein Rhythmus, der während solcher Rituale immer wieder Auftaucht, der Rhythmus des Herzschlages. Zum einen stellt dieser Rhythmus eine gewisse Opferbereitschaft des Bittenden dar, zum anderen ist nach Ansicht vieler mystisch orientierter Menschen ein eigener Herzschlag das, was sich der körperlose Geist an sehnlichsten wünscht. Darum ist das Trommeln eines reinen Herzschlags nach Meinung dieser Menschen ein verlässliches Mittel, um einen ruhenden Geist zu wecken und einen ruhelosen Geist zu besänftigen.

Nach Meinung der Japaner wird jedes Leben erst durch die Existenz von Energien (tama) ermöglicht, die zwar als Bestandteil der Geburt jedem Menschen gegeben sind, jedoch mit dem Beginn der Geburt im Laufe der Lebensspanne beständig abnehmen.

Aus dem Bedürfnis heraus diesem Energieverlust entgegenzutreten entwickelten sich Rituale in denen das Schlagen besonderer Rhythmen diese abnehmenden Energien regenerieren sollten.

In diesen Riten „Tamafurie“ werden die Tama-Energien durch die dröhnenden Rhythmen in belebende Schwingung versetzt und wie an einem Ladegerät angeschlossen geladen.

Doch nicht nur in der Kultpraxis des Shintoismus sorgt die Taiko mit ihrer mitreißenden Vitalität für Aufsehen. Das Taiko hat auch andere Bereiche der japanischen Musikpraxis geprägt. So gilt die Taiko in den zen-buddhistischen Tempeln als „Trommel des Dharma Gesetzes“ in deren mächtigen Klang sich geistige Wahrheit manifestiert und so die Stimme Buddhas symbolisiert.

Auch in den Tempeln des Konfuziuskults, der von China aus auch nach Japan  vordrang, kommen gerade die großen Fasstrommeln während der Rituale zum Einsatz.

Jeder Tempel besitzt mindestens zwei dieser Trommeln. Meist liegen sie waagerecht auf einfüßigen Ständern.

Eine steht an der Ostseite auf der Mondterrasse des Tempels und wird dreimal am Ende jeder Zeile der Ritualhymne geschlagen. Die andere steht auf der Westseite der Terrasse und wird sechsmal als Antwort auf die Schläge der anderen Trommel geschlagen.

Im Verhältnis zum Buddhismus, der seinen Weg ebenfalls über China und Korea nach Japan fand, spielt der Konfuzianismus in Japan jedoch nur eine untergeordnete Rolle.

Eingeführt wurde der Buddhismus im Jahre 522, stieß jedoch als fremde Religion bei der sehr traditionsbezogenen Bevölkerung Japans zunächst auf Ablehnung.

Erst 585 wurde der Buddhismus von Kaiser Yomei offiziell als Religion anerkannt, und Prinz Shotoku verordnete im Jahre 594 per Dekret  die Triratna - Drei Kostbarkeiten - zu verehren. Erste Japaner traten der buddhistischen Gemeinschaft bei und durch den Erlass des Prinzen wurde der Buddhismus zur offiziellen Religion Japans erhoben.

Der Shintoismus, der sich seit Anfang des 16. Jahrhunderts mit konfuzianischem Gedankengut zu verbinden begann, wurde fast vollständig von dieser neuen Religion verdrängt.

In der Folge wurden viele der Shinto-Gottheiten zu buddhistischen Inkarnationen umfunktioniert. Im 19. Jahrhundert wurde aber auch der Shintoismus zur Staatsreligion erhoben. Die Tatsache, dass im Shintoismus der Kaiser als "göttlich" verehrt wird, mag für diese Entscheidung nicht unerheblich gewesen sein.

Da der Buddhismus inzwischen fest im Kaiserhaus verankert war, kam es in der Folge zu einem regen Austausch zwischen Japan, Korea und China.

Im Gepäck der reisenden Mönche befanden sich neben anderen rituellen Gegenständen auch verschiedene Trommeln. Und durch ihren prägnanten Einsatz bei den Zeremonien fanden gerade die Trommeln schnell ihren Weg in die Herzen der Bevölkerung.

Wie die Trommeln des Shintoismus und des Konfuzianismus wurden auch im Buddhismus bevorzugt große Trommeln in Fassform benutzt. Wann und wo speziell diese Trommeln entstanden sind lässt sich nicht genau bestimmen. Mit Sicherheit sind sie aber so alt wie die Religionen, die sie benutzen.

Es gibt diese Form besonders in China, Korea und Japan. Ähnliche Formen finden sich jedoch im gesamten asiatischen Raum.

Auch die Frage, ob die Japaner die Fasstrommel ebenso wie den Buddhismus von den Koreanern bzw. Chinesen übernommen haben, wird wohl unbeantwortet bleiben. Das sie jedoch im Laufe der Zeit bei der Herstellung dieser Trommeln eine von keinem anderen asiatischen Volk erreichte Perfektion in Bezug auf die Qualität der Trommeln an sich und den Klang dieser Trommeln im Besonderen erreicht haben, daran besteht kein Zweifel.

Heute ist ein Volksfest ohne den Klang der Miya Daiko, wie diese Trommeln in Fassform von den Japanern genannt werden, in Japan unvorstellbar.

Die Frage, warum es so wenig geschichtliche Aufzeichnungen in der japanischen Literatur über die Trommeln, ihren Ursprung und ihre Entwicklung in der Gesellschaft gibt, lässt sich leicht beantworten.

In der musikalischen Vergangenheit Japans gab man der künstlerischen Ausdrucksform der Rezitation  vor dem Spielen auf Musikinstrumenten den Vorzug. Es gibt dementsprechend nur wenig Instrumente die ihre Wurzeln in Japan finden. Vielmehr bedienten sich die Japaner ausgiebig bei ihren direkten Nachbarn. Dabei spielten Korea und China, wie bereits erwähnt, eine tragende Rolle.

Viele der von den Japanern als traditionelle Instrumente Japans[1] aufgeführten Musikinstrumente fanden in ihrer Urform über die See ihren Weg in das Land der aufgehenden Sonne. Die Instrumente, die in den verschiedenen Bevölkerungsschichten Anklang fanden, erfuhren schnell eine perfekte Weiterentwicklung. In dieser Beziehung haben sich die Japaner nie geändert.

Dem tiefen Bedürfnis nach Reduktion auf das Wesentliche entsprangen in der Folge Instrumente, die in dieser Form und Ausführung in ihren Ursprungsländern nicht zu finden waren.

Auch die Trommeln gingen, nachdem sie ins Land gebracht worden waren, diesen Weg. Jedoch wurden sie vom Adel nie als höfisches Instrument akzeptiert.

Zwar schlug man die Trommeln vor den Palästen, um Staatsbesucher willkommen zu heißen, doch während die Shamisen- und Kotospieler mit den Besuchern in die Paläste einzogen, um für die weitere Unterhaltung der Gäste zu sorgen, blieben die großen Trommeln an den Toren zurück.

Zu gewöhnlich war dem Adel das Dröhnen dieser Riesen. Um den Gast mit lautem Tam Tam zu begrüßen  waren die Trommeln gerade noch gut. Aber als Hintergrund für feinsinnige Staatsgespräche? Dafür mochte man sich am Hofe nicht begeistern.

Mit dem Adel verpönten auch alle Gesellschaftsschichten, die um die Gunst der Adeligen buhlten, die Trommel als ein Gerät, mit dem sich nur die primitiven Gefühle ungebildeter Menschen ausdrücken und ansprechen ließen.

So wurde die Taiko vor allem ein Instrument der Menschen, die in der Rangfolge der japanischen Gesellschaftsgeschichte immer die untersten Stufen belegten. Als die Bauern und Fischer  die Taiko für sich entdeckten, war dies dem Adel nur recht. Wie diese Menschen  waren nach Meinung der Adeligen auch die Taikos: laut, aufdringlich und primitiv. Zu diesen Menschen passte die Taiko. Sie wollten sie haben, und sie sollten sie bekommen.

Doch diese Menschen schätzten die Macht und Kraft die in den Taikos steckte und sich auf sie übertrug. Sie dankten es, indem sie ihnen bis in unsere Zeit treu blieben.

Aber diese Menschen besaßen keine Geschichtsschreiber, die die  Geschichten, die sie mit ihren Taikos erlebten, die Reisen, die sie mit deren Hilfe unternahmen, für die Nachwelt festhielten.

Das Leben dieser Menschen bestand lebenslänglich aus harter Arbeit für den Adel. Als Belohnung dafür durften sie am Leben bleiben. Für die Feste dieser einfachen Menschen und ihre Kunst die Taiko zu schlagen, interessierten sich von den höfischen Geschichtsschreibern nur wenige.

Für das Schlagen der Taikos gab es keine Schulen. Sie wurden nicht zurückgezogen im Familienkreis geschlagen. Sie gehörten allen, jeder konnte und sollte sie schlagen. Zu den Festen, zu denen das Dröhnen der Taikos über das Land und die See zog, sollte nicht die Atmosphäre geschaffen werden, die nötig war  um die stillen,  feinen Sinne anzusprechen.

Wenn die Bauern trommelten, dann sollte die Erde beben und die Götter des Himmels aus dem Schlaf gerissen werden.

Wenn die Fischer trommelten, dann sollten die Fische des Meeres freiwillig in die Netze springen.

Die Taiko sollte die Fruchtbarkeit der Erde wecken und den Stürmen auf dem Meer Einhalt gebieten. Sie sollte etwas in Bewegung bringen und jedes Mitglied der Gemeinschaft dieser einfachen Menschen hatte das Bedürfnis zum Wohle aller beizutragen und schlug auch aus diesem Grund die Taiko voller Inbrunst.

War ein Rhythmus bei der Bitte um eine gute Ernte erfolgreich, wurde er durch eine Geschichte geehrt. Geister und Götter lebten in diesen Geschichten. Die Taikos, das Leben und die Taten besonderer Menschen spielten in diesen Geschichten eine tragende Rolle.

Sie wurden mit Begeisterung erzählt und waren die Taikos zur Hand, wurden sie immer wieder nachgespielt. So prägten sie sich ein und wurden  innerhalb der Gemeinschaft weitergegeben. Es entstand eine Tradition, die vom Adel nicht als solche zur Kenntnis genommen wurde und sich so unbeeinflusst in den unteren Bevölkerungsschichten zu einer eigenständigen Richtung der Folklore entwickelte.

Im Leben der einfachen Menschen nahmen die Taikos so ihren festen Platz ein. Auf der Dorftaiko  wurde die Zeit geschlagen und war somit ständiger Bestandteil des Lebensablaufes. Die Grenzen des Dorfes wurden in regelmäßigen Abständen durch das Schlagen der großen Taiko in der Versammlungshalle bestimmt. Soweit der Klang dieser machtvollen Trommel zu hören war, soweit reichten die Dorfgrenzen.

Die geschichtliche Entwicklung der Taiko interessierte bis in unsere Zeit nur wenige der japanischen Trommler. Die Geschichten,  um  die sich die Taikos ranken sind es, die den Trommlern und ihren Taikos immer wieder eine sonderbar faszinierende  Ausstrahlung und Anziehung verleihen.

Die Taikos setzten Signale. Durch diese Eigenschaft wurde auch der Adel aufmerksam. Mit den Taikos konnte man Signale geben, die nicht zu überhören waren. Was lag also näher als sie im Krieg einzusetzen.

Die Soldaten, die die Taikos im Auftrag der Generäle schlugen, wurden im Kampf schnell zu Donnergöttern in Gewitterkitteln. Sie gaben mit ihren Signalen die Zeichen zum Angriff oder zum Rückzug. Vor der Schlacht baten sie mit ihren Taikos bei den Göttern um den Sieg und machten den Truppen Mut, gaben ihnen die Kraft für den bevorstehenden Kampf. Wurde die Schlacht erfolgreich geschlagen, waren es die Trommler, die sich mit lauten fröhlichen Schlägen für den Sieg bedankten. Bei der Heimkehr wurde die Schlacht mit Hilfe der Taikos für die Zurückgebliebenen erneut geschlagen, um den Mut der siegreichen Armee zu würdigen. Die Taikos der Verlierer jedoch wurden zerschlagen und verbrannt, um ihnen für alle Zeit die Kraft zu nehmen. So entstanden immer neue Geschichten und solange es Menschen gibt, die mit Ausdauer, Kraft und Lebensfreude die Taiko schlagen, werden all diese Geschichten immer wieder aufs neue mit Leben erfüllt.

 

„Bevor ich geboren wurde, war ich im Bauch einer Frau.

Das warme, von einer dünnen Membran eingehüllte Dunkel war mit Meerwasser gefüllt.

Ich schwamm in einer kleinen Bucht.

ohne etwas zu denken, ohne etwas zu sagen.

Durch die Membran hörte ich diese, aus der Ferne tönenden Klänge.

Die Freude meiner Mutter war meine Freude, ihre Trauer auch meine Trauer.“

 


 

[1]Aufgrund dieser Tatsache habe ich die Legende um die Sonnengöttin Amaterasu mit einem Fragezeichen versehen, führt sie diese doch ad absurdum.  

                                                                                                                                                                                                                                                               Zurück