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Oni – die Dämonen der Taiko
„Schlage eine Taiko und du weckst den Dämon, der sie beseelt!“
„Am Anfang schuf .......!“
Schnell dahin gesagt und fast immer um einen Spaß auf den Weg zu bringen. Wer sich in unserer Zeit für wahre Hintergründe, die Inhalte des Seins interessiert, für den werfen bereits die ersten drei Worte eine Vielzahl von Fragen auf. Natürlich verbinden die Christen mit diesen drei Worten ihren Gott, auf dessen Wirken die Existenz allen Seins zurückgeht.
Jedoch leben wir in einer Welt der Vielfalt. Andere Kulturen beinhalten den Glauben an andere Götter, andere Ursprungsgeschichten in Bezug auf den Menschen, die Erde und den alles umgebenden Kosmos.
Schufen sich die Götter den Menschen, um sie dann zu beherrschen, sich zu unterhalten oder erdachte sich der Mensch die Wesen des Geistes, um sich in seiner Ungerichtetheit selbst zu beschränken.
Fragen auf die es unendliche Antworten gibt und die sich an dieser Stelle mit Sicherheit ebenso wenig beantworten lassen wie anderen Ortes. Jedoch im Spiel des Geistes, wenn Gedanken gebildet oder Phantasien angeregt werden, treten irgendwann auch die Geister und Götter auf den Plan.
In jeder Wertschätzung lässt sich auch das Verehrungswürdige, das Göttliche finden.
Es gab Zeiten in denen der Mensch - mehr als in der Gegenwart - an die reale Existenz dieser „Geistwesen“ glaubte. Heute wird den meisten von uns diese Tatsache nicht mehr bewusst, weil wir die Bindung an die uns umgebenden Götter und Geistwesen vielerorts verleugnen, verneinen, verachten oder einfach nur verloren haben.
Wir entwickeln uns weiter. Götter und Geister? Wie sollten gerade diese Relikte unserer Vergangenheit in die Entwicklung der neuen, der modernen und vor allem schnelllebigen Zeit passen? Das Göttliche fordert jedoch Zeit und somit genau das, was uns heute unserer Meinung nach sowieso nur in zu geringem Maße zur Verfügung steht. Also keine Zeit mehr für Götter und Geister in der modernen Welt. So verloren die meisten Menschen den Kontakt zu diesen Wesen und damit auch den Glauben an ihre alte Kraft. Da der Mensch dazu neigt Lücken zu füllen, blieb der Raum, der diesen Wesen vorbehalten war, nicht unbesetzt. Mit der Erweiterung des Lebensraumes gewannen neue Götter und Geister an Bedeutung und nahmen den Platz der Alten ein. Die Gewichtung bestehender Werte verlagerte sich. Wirtschaft, Technik und Fortschritt, die Gesetze freier Marktwirtschaft stehen unter der Herrschaft neuer, der Natur des Menschen fremder Geister und Götter.
Diese neuen Geister herrschen über ein globales Gesellschaftssystem, das der einzelne nutzt, ohne es in seinem Ursprung, seiner Herkunft, seinen Inhalten verstanden zu haben, in der Folge entsteht bei vielen Menschen etwas wovor sich jeder fürchtet, Angst. Nicht die greifbare, die konkret zu bekämpfende Angst. Es ist vielmehr die diffuse Angst. Die Angst, die sich nicht greifen lässt, die den Rücken hoch kriecht, uns mit klammen Griff im Nacken packt und nicht mehr loslässt.
Die kleine Lebensgemeinschaft, wie sie in der Vergangenheit in isolierten Dorfgemeinschaften existierte und ihren einfachen Gesetzen folgte, gibt es heute nur noch an verborgenen Orten der Welt. Und auch dort wird sie ununterbrochen von der Übermacht der Geister der Weltwirtschaft bedroht und angegriffen.
Unsere diffusen Ängste kommen heute in verborgener Gestalt daher. Und da wir scheinbar vergessen haben uns an die Namen der Wesen, die uns plagen zu erinnern, haben wir diesen Angstgestalten neue Namen gegeben.
Leistungsdruck, Versagensangst, Erwartung und Enttäuschung, Mobbing. So oder ähnlich lauten die Namen der Geister und Dämonen die uns in der Gegenwart plagen.
Neue Namen für neue Dämonen oder neue Namen für alte Dämonen in neuer Gestalt?
Fragen die sich nicht so einfach beantworten lassen. Die von uns heraufbeschworenen Geistwesen werden für viele von uns angesichts ungelöster Fragen unbegreifbar. So werden wir von ihnen beherrscht, in Atem gehalten und in unserem Handeln gelenkt. Weil wir ihre wahre Gestalt nicht mehr erkennen, erklären wir uns ihren Einfluss auf unser Denken und Handeln als Auswüchse gesellschaftlicher Entwicklung. Einer Entwicklung der man sich ohne Widerstand (weil Widerstand zwecklos zu sein scheint) zu ergeben hat.
Die Geister in jedem von uns sprechen jedoch eine deutlich andere Sprache. Da wo sich unser Kopfgeist unter dem Druck beugt und sich unser Rücken unter der Last zu krümmen beginnt, erinnert sich unser Körper an den seit Jahrtausende andauernden Kampf zwischen den Geistern, die die Menschen schufen und den Menschen, die die Geister schufen. Erinnert sich der Körper aus dem Bauch heraus an einfache Gesetze, die seit Anbeginn der Menschheit das Geben und Nehmen im Gleichgewicht halten.
Gesetze die ihre verbindliche Gütigkeit mit dem Beginn des Denkens erhielten. Und auch wenn die überwiegende Zahl der „Kopf gesteuerten Menschen“ in nur wenigen Jahren den Kontakt zum Wissen um die Geister, die Dämonen und die immer geltenden Gesetze, die den Weg der Menschen bestimmen, verloren haben, stockt immer wieder dem einen oder anderen von uns der Atem, verlangsamt sich nachdenklich der Schritt auf dem Weg in die gesellschaftliche Zukunft.
Verharren, lauschen, fühlen, erinnern! Und was dann?
Wünsche! Wünsche, die sich zur Sehnsucht wandeln. Eine Sehnsucht nach was? Vielen von uns bleibt das Bild nach dem wir uns sehnen weiterhin diffus. Wir spüren das es in uns etwas gibt, das es schon immer gegeben hat, gegeben haben muss. Und so wird der Wunsch nach Erinnerung zur neuen, alten Plage.
Die Kombination von Wunsch, Sehnsucht und Erinnerung, bildet jedoch eine trügerische Mixtur. Nicht selten werden wir von ihr in die falsche Richtung gelenkt. Wünsche, Sehnsüchte und Erinnerungen lassen eine Gefühlswelt entstehen, in der das Verlangen dann oft mit den falschen Mitteln befriedigt wird. Mittel die uns immer wieder wie in einem Hamsterrad an den Anfang unseres Zögerns stellen.
Einigen stellt sich das Ziel aller Wünsche, Sehnsüchte und Erinnerungen so klar dar wie der Blick in einen tiefen aber ruhigen See. Trotz seiner dunklen und bedrohlichen Tiefe sehen sie in seiner Klarheit das Bild des Geistes, des Dämonen, der die Macht besitzt gleichermaßen Gutes oder Böses zu bewirken und den es zu beherrschen gilt.
Unser Bauch erinnert sich an all diese Dämonen, die unser Leben in der Vergangenheit bestimmten. Dämonen mit klarer Seele, klarer Gestalt und klarem Handeln. Dämonen mit der Fähigkeit Leben zu vernichten, und doch dazu bereit dem Menschen zu dienen, der sich in der Kunst versteht sie zu beschwören und bereit ist dafür zu bezahlen.
Jeder Geist, jeder Dämon hat seinen Preis und irgendwann wird er diesen Preis fordern!
Dämonen und Geister, wer an sie glaubt, weiß, dass sie überall zu finden sind. Sprechen wir von den bösen, den dunklen Geistwesen die uns plagen, ist damit oft der Wunsch verbunden uns von ihnen befreien zu können und doch sagen wir auch, dass uns diese Geister immer wieder einholen.
Die guten Geister dagegen werden von uns herbeigesehnt. Ihrer Nähe und Unterstützung wollen wir uns versichern.
Egal jedoch ob gut oder böse, findet ein Dämon Interesse an unserem Tun, wird er schnell zum Begleiter unserer Schritte. Ob er uns dann als hilfreicher Geist zur Seite steht hängt oft von der Aufrichtigkeit unseres Handelns ab. Im Volksmund heißt es, dass der Aufrichtige vom aufrichtigen Geist begleitet wird, während sich der böse Geist das Böse im Menschen sucht. Haben sich die entsprechenden Geister gefunden, scheint es unmöglich sich wieder voneinander zu trennen, ohne den Preis für die entstandene Verbindung zu bezahlen.
So wurde zu allen Zeiten der menschliche Geist zum Opfer der Geister, die er rief.
Japan
Schon aus ihrem religiösen Ursprung, dem Shintoismus aber auch dem Buddhismus heraus haben viele japanische Rituale eine enge Verbindung zu Geistern und Dämonen. So zahlreich ihre Erscheinungsbilder, so zahlreich sind auch ihre Namen, Fähigkeiten und Beschwörungen.
Und obwohl es in Japan eine unendliche Zahl von Dämonen zu geben scheint, wird auch heute, in der Zeit der Hochtechnologie, immer noch jeder einzelne von ihnen mit tiefem Respekt behandelt. Zu tief sitzt in der japanischen Gesellschaft die seit Ewigkeiten existierende Angst vor der in der heutigen Zeit eher als vom Nebel des Vergessens verschleiert zu bezeichnenden Kraft und Macht dieser Wesen. Wann immer über sie gescherzt wird, schwingt immer auch eine Spur Respekt in der Stimme mit, kommt es nie zu echtem Spott oder gar Abwertung. Es scheint als wollten es sich selbst die Zweifler nicht mit den Geistern und Dämonen verscherzen.
Taiko, das japanische Trommeln, lässt sich bei Hunderten von Gruppen im ganzen Land erlernen. Aber wirklich erfahren, kann man es am besten außerhalb der großen Metropolen - wie Tokio oder Osaka - in den ländlichen Regionen. Dort erfüllt es wie seit tausenden von Jahren seinen ursprünglichen Zweck.
Die Bewohner der ländlichen Gegenden wissen, dass in jedem See, jedem Fluss, jedem Berg jedem Feld, jedem Baum und jedem Meer ein Dämon wohnt. Und da die Taikos nur aus den mächtigsten Bäumen Japans gefertigt wurden und auch heute noch werden, geht auf jede dieser Taikos etwas von dem Dämon; der in diesem Baum lebte, über. Werden die Taikos in Japan geschlagen, dann mögen damit unterschiedliche Gründe und Ziele verfolgen werden. Ein Teilsaspekt jeden Schlagens dieser kraftvollen und mächtigen Trommeln liegt dabei jedoch immer in dem Ziel, die Dämonen der Taikos zu wecken und für die Zwecke und Wünsche des einzelnen Trommlers oder der ganzen Gruppe zu interessieren.
So unterschiedlich die Herkunft der Trommler, so unterschiedlich sind auch deren Wünsche. Die einen treibt der Wunsch nach Regen an die Taiko, die anderen sehnen sich nach Sonne. Die Fischer schlagen die Taiko für volle Netze, den Bauern geht es um eine reiche Ernte. Wieder andere wünschen sich Glück im Leben oder Gesundheit und Wohlstand für die Familie.
Aus unserer Sicht scheint die Beschwörung der Dämonen deren Hilfe man sich versichern möchte heute eher belustigender Natur. Da werden Trommeln geschlagen, alle haben Spaß und am Ende soll das alles noch von irgendwelchen Geistern belohnt werden. Alles mit großem Spaß verbunden!
Der Schein trügt
Erst bei näherer Betrachtung fällt auf, dass bei allem Wünschen und Taikoschlagen nie etwas ausschließlich von den Dämonen, die es zu beschwören gilt, gefordert wird oder auf diese abgeschoben werden soll.
Vielmehr bitten die Trommler die Dämonen, ihnen bei ihrem Vorhaben nicht den Weg zu verstellen oder negativ entgegen zu wirken. Sie bitten die Dämonen lediglich um Hilfe und Unterstützung bei der Verrichtung der schweren und mitunter nicht ungefährlichen Arbeit und nicht darum, dass die Dämonen die Arbeit an ihrer Statt übernehmen.
Das Erfolgsrezept japanischer Dämonenbeschwörung scheint in der Bereitschaft zu liegen, alles zu geben und bis an die körperlichen und geistigen Leistungsgrenzen zu gehen. Nur aufgrund dieser Bereitschaft wird nach Ansicht der japanischen Trommler überhaupt erst das Interesse der Dämonen geweckt, beginnen positive Energien zu fließen und zwar nicht nur in eine Richtung. Genauso wie die Trommler, erhalten auch die Dämonen den ihnen zustehenden Anteil an dem entstehenden Energiefluss.
So begleichen die Trommler schon während des Schlagens ihrer Taikos die Schuld, die sie den Dämonen für die Unterstützung ihres Vorhabens schuldig sind.
Hier und jetzt Workshop irgendwo in unserem Land!
„Jeder Lehrer hat die Schüler die er braucht und verdient“, sagt man. Für mein Dojo in Düsseldorf gilt diese Aussage mit wenigen Ausnahmen - würde ich sagen. Dabei lege ich besonderen Wert darauf nicht nur in dem Ruf zu stehen, die härteste Taikogruppe Europas zu leiten, sondern diesen Ruf in meinem Unterricht auch zu leben.
So sollte bereits im ersten Gespräch, in der ersten Unterrichtsstunde deutlich werden, wer zu mir als Schüler und zu wem ich als Lehrer passe. Dass ich mit den wenigsten Interessenten harmoniere, sei hier nur am Rande erwähnt. Aufgrund der großen Nachfrage nach Taikounterricht plus der Tatsache, dass ich meinen Unterricht auf Qualität und nicht auf Masse[1] ausrichte, ist dies auch nicht weiter von Bedeutung.
Für die Workshops, besonders die als Anfängerworkshops ausgeschriebenen, gilt das vorher gesagte leider nicht. Zwar versuche ich in den kurzen Ankündigungstexten etwas von der Härte, die ich im Taiko vertrete und auch von den Teilnehmern erwarte, zur Kenntnis zu geben, aber oft wird der Text in den entscheidenden Passagen vom Veranstalter entschärft, soll doch niemand abgeschreckt werden.
Und so nähern sie sich bei jedem Workshop aufs neue den Taikos. Die esoterisch angetriebenen „Trommelhautmitdemfingernagelkratzer“.
Sie schleichen um die Taikos, nähern sich geradezu liebevoll, um dann jedes Trommelfell mit blitzschnellem Fingernagelgeklappere und -gekratze zu prüfen.
Zu prüfen worauf?
Auf Vibration! Vibration? Eines von vielen Zauberworten mit denen sich der Esoteriker in Bewegung hält. Die Vibration muss gut sein! Und so werden die Taikos[2] darauf geprüft ob z.B. die Vibration des Prüfers und des Prüflings miteinander harmonieren.
Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits den Dämon der Taiko. Durch das geistlose Gekratze um seinen Ruhe gebracht, beginnt er unwillig zu erwachen.
Es zerreißt mir das Herz und ich könnte, ob dieses vollkommen auf das eigene Ich bezogene Handeln solcher egomanischen Schwachköpfe, kotzen.
Über meine Abneigung hinaus, die ich diesen Menschen gegenüber empfinde, versetzt es mich immer wieder in Erstaunen, wie wenig empfänglich diese, nach eigener Aussage hochempfindlichen Schwingungssuchenden in ihrer maßlosen Selbstbezogenheit für real existierende Schwingungen sind.
Ich habe es nach mehreren erfolglosen Versuchen aufgegeben sie in den rechten Umgang mit den Schwingungen meiner Taikos einzuführen. Heute beschränke ich mich in der Arbeit mit Erstkontaklern darauf, bei den solchermaßen gequälten Dämonen meiner Taikos Abbitte zu leisten.
Im positiven Gegenteil zu diesen, meist kopflastig Angetriebenen, stelle ich fest, dass unter den körperlich Bewegten sehr wohl eine Antenne für die im Zusammenhang mit den Taikos und deren Dämonen existierenden Schwingungen vorhanden ist.
Ähnlich der „einfachen“ Bevölkerung Japans, scheinen sich auch die Vertreter der körperlich arbeitenden Mitglieder unserer Gesellschaft das Gefühl für den archaischen Geist und seiner Dämonen erhalten zu haben.
Die gemeinsame Sprache
Bedauerlicher Weise sprechen die wenigsten der westlichen Trommler die Sprache japanischer Taikodämonen. Ohne dieses verbindende Element[3], wird die Arbeit an und mit der Taiko mitunter zu einer Mühsal. Besonders in den Workshops denken die Teilnehmer an alles andere, als die Kommunikation mit einem Dämonen, der in der Taiko lebt.
Und oftmals denken die meisten von uns, deren Geist sich nach Geschichten aus dem fernen Japan sehnt, sowieso in die falsche Richtung.
Bevor wir uns also auf eine geistige Reise nach Japan begeben und wie so oft als Mitglieder einer der japanischen Kultur fremden Gesellschaft an deren uns oft unverständlichen Grundlage- und Regelwerk scheitern, sollten wir bevor wir unser Augenmerk auf die Dämonen, die unsere Taikos in der westlichen Welt bewohnen richten, zunächst vielmehr auf die Taikos selber schauen. Was steht den da zu unseren Füßen? Wir nennen sie zwar gerne Taikos, japanische Trommeln, gefertigt wurden jedoch nur die wenigsten von ihnen in Japan. Aus diesem Grund ist es auch recht unwahrscheinlich, dass ein japanischer Dämon in eine dieser Taikos gefahren ist.
Die Haut für unsere Taikos stammt von westlichen Kühen und das Holz der Fasskörper stammt aus westlichen Forstbetrieben.
Wer sich bei einem Küfer einen Fasskörper hat bauen lassen, befindet sich damit unter Umständen bereits mit einem Geist in Verbindung, der mit dem Taiko überhaupt nichts im Sinn hat und weitläufig bekannt ist unter dem Namen „Geist des Weines“ sein Unwesen treibt.
An diesem einfachen Beispiel wird deutlich in welch unterschiedliche Richtungen sich der denkende, der wünschende oder der sehnsüchtige Geist eines Trommlers bewegen kann.
„Hat im Westerwald gestanden!“
„Hat im Westerwald gestanden!“ , sagt mir der Fassbauer und deutet auf das Eichenholz zu unseren Füßen, aus dem später die von mir bestellten Fasskörper entstehen sollen.
Ich höre ihm interessiert zu, als er mir etwas über die deutsche Eiche zu erzählen beginnt.
Aus Erfahrung weiß ich, dass man die unglaublichsten Dinge erfahren kann, wenn man einen Handwerker der alten, der traditionellen Handwerkskünste erzählen lässt.
Wichtig dabei ist die Beherrschung der Kunst des Zuhörens. Die wenigsten Menschen sind heute noch in der Lage zuzuhören. Sie wollen lieber selber reden. Zuhören? Zuhören will und kann heute kaum noch jemand.
Schlecht für die, die es nicht können, jedoch gut für mich. Ich nehme mir die Zeit dazu und kann zuhören. Und da die Menschen, die etwas zu sagen haben, kaum noch Hörer finden, geben sie sich in Momenten in denen sie einen Hörer gefunden haben beim Erzählen besonders viel Mühe.
Einen Menschen, der in jahrhunderte alter Tradition Eichen zu Fässern formt, sollte man nicht mit dazugeblähtem Halbwissen bezüglich der Fässer daran hindern, etwas von seiner Tradition weiterzutragen. So frage ich wenig und erfahre viel.
Das Eichenholz, das hier bereits zu Dauben geschnitten auf seine Wandlung zum Fass wartet, wurde von den Vorfahren des Meisters bereits vor 150 – 200 Jahren ausgesucht und gekauft. Damals standen die noch jungen Stämme in den Wäldern des Westerwaldes und des Hunsrück. 200 Jahre, das bedeutet über vier Generationen zurück in die Vergangenheit. Wie viel ist in dieser Zeit in der Welt geschehen, wie viel wurde bewegt und wie viel hat sich geändert?
Die Eichen lauschten in all den Jahren dem Rauschen ihrer Blätter und wenn auch der Mensch in dieser Zeit immer wieder ihre Ruhe mit jeder Art von Lärm störte, kehrte doch immer wieder die Ruhe in den Wald der Eichen zurück.
„Immer wieder wird mir beim Sägen das Sägeband zerschlagen“, erzählt mir der Fassbauer. „Zuviel Eisen im Holz!“
Eisen? Ich stutze, wieso Eisen? Stellen muss ich die Frage nicht. Der Meister erklärt sich ohne Pause.
„Wenn die Alliierten im zweiten Weltkrieg nach dem Bombardement der großen Städte und deren Industriegebiete nicht alle Bomben aus den Schächten geworfen hatten, waren sie gezwungen den Rest auf dem Rückflug zu entsorgen.
Denn um zu vermeiden, dass dem Flieger auf dem Rückweg der Treibstoff ausging, mussten alle Bomben abgeworfen werden.
Ein besonders beliebtes Ziel waren dabei wohl die Höhen der dichten Wälder. Darunter auch die Eichen, die nun vor uns liegen.“
Die mächtigen Bäume hatten keine Möglichkeit dem eisernen Hagel zu entrinnen und so bissen sich die Splitter wie Zähne durch die Rinde tief ins Holz.
Viele überstanden diesen von Menschenhand gesteuerten willkürlichen Angriff nicht. Wenigen gelang es die oberflächlich stecken gebliebenen Splitter auszubluten. Doch die meisten Splitter wurden einfach umschlossen. Die Eichen setzten ihr Wachstum fort und die Splitter verschwanden mit den Jahren vollständig in ihrem Inneren. Wenn sie heute der Säge zum Opfer fallen, ist von den Splittern nicht mehr das Geringste zu sehen. Erst wenn das Sägeband auf einen dieser Splitter trifft, werden wir an den Krieg erinnert, der von Menschenhand in den Wald getragen wurde. Einen Krieg von vielen?
Wie viele große und auch kleine Kriege sind wohl schon an unseren Eichen vorbeigezogen? Und was hat unsere Eichen, wenn überhaupt, am tiefsten beeindruckt oder beeinflusst, die Zeiten der Stille oder die des Lärms?
Sind die Dämonen und Geister, die in ihnen zu finden sind, offen für unsere Wünsche und unser Handeln?
Ich glaube daran, dass in jeder einzelnen Taiko, egal ob aus japanischem, afrikanischem oder deutschem Holz gefertigt, ein Dämon lebt.
Ob es sich dabei um den Urdämonen des Baumes selbst handelt oder ob es Dämonen sind, die durch unseren Geist erst in die Taiko gerufen wurden, spielt dabei keine Rolle.
Viel wichtiger ist für mich, dass der die Dämonen umfassende Aspekt des Taiko zu keinem Zeitpunkt als Spiel betrachtet werden soll.
Es gibt Menschen wie mich, die an die Existenz dieser Wesen glauben. Dass sich diese Menschen gegenüber den Dämonen gebührlich verhalten, sehe ich als Selbstverständlichkeit und soll hier nicht weiter textlich bearbeitet werden.
Spaß?
Ich habe es an anderer Stelle bereits schon einmal kurz angedeutet und werde in einem Folgetext noch einmal genauer auf den Spaßaspekt im Taiko[4] eingehen.
In Bezug auf die Dämonen ist jeder Gedanke an Spaß wohl nicht angebracht.
Die Kultur um das Taiko ist eine lebendige Kultur. Obwohl es so schien als würde das Schlagen der Taiko und damit auch deren Kultur in Vergessenheit geraten, ist dieser Umstand niemals eingetreten und auch eine Renaissance wurde nicht im Ausland, sondern in der japanischen Heimat selbst erfahren.
So können wir heute das Taiko und seine lebendige Kultur dort erfahren und erlernen, wo es seine Wurzeln hat und der Glaube an die Kraft, die Macht und die ihnen innewohnenden Dämonen ungebrochen lebt.
Diese Möglichkeit stellt ein außergewöhnliches Geschenk an uns dar, finden wir sie doch kaum in einer der alten Traditionen, mit denen wir uns heute so zahlreich beschäftigen.
Um dieses Geschenk in angemessener Form zu würdigen steht jeder Trommler, der unter meiner Anleitung die Taiko schlägt, in der Pflicht, dieser gebotenen Möglichkeit mit dem größtmöglichen Respekt zu begegnen.
Da wir jedoch in unserer so rasant voranschreitenden Gesellschaftsentwicklung alles andere als Respekt vor alten Traditionen entwickeln, ist es besonders wichtig, dass der Respekt den jeder Einzelne für das Taiko entwickelt hat, im besonderen Maße[5] auch nach Außen getragen wird.
Nur so haben die Menschen, die sich der Taiko mit ersten unbedarften Schritten nähern, eine Chance etwas über die wahren Hintergründe des Taiko zu erfahren.
Eine andere Frage, die sich aus der Tatsache ergibt, dass die Menschen im Westen oft grundsätzlich andere Lebensziele verfolgen als die Menschen der asiatischen Welt, ist die, ob die Dämonen der Taiko überhaupt ein offenes Ohr für unsere Wünsche haben.
Ich persönlich beantworte diese Frage für mich wie folgt:
„Das Glück in eine relativ friedliche und kreativ bewegte Welt hineingeboren zu sein, gibt mir die Möglichkeit in aller Ruhe an meinen Fähigkeiten zu arbeiten.
Ich muss die Dämonen meiner Taiko nicht wecken um ihre Unterstützung bei der Ausübung einer lebensbedrohlichen Arbeit zu erbitten.
Wenn ich heute die Dämonen durch das Schlagen der Taiko wecke, dann um sie zu bitten, mich vor Verlust zu bewahren.
Einen Verlust der mich ebenso wie viele andere Menschen auch bedroht. Jedoch geht es mir bei meiner Bitte nicht um andere, geht es mir nicht um weltliche Glückseligkeit. Nein, es geht mir nur um mich.
Ich bitte die Dämonen mich davor zu bewahren in dieser, sich neu ordnenden Welt immer weiter den Kontakt zu den Gefühlen des Respekts, der Demut und der Bescheidenheit zu verlieren.
Ich bitte sie darum mich davor zu bewahren, in den unsteten Fluss gezogen zu werden, in dem ein Großteil der Menschen unserer Gesellschaft bereits ohne wahre Lebensinhalte vor sich hindümpelt.
Ich bitte sie darum Grenzen erkennen zu können und um die Fähigkeit diese Grenzen zu erweitern oder sie zu respektieren, wie es ihnen gebührt.
Ich bitte sie darum mir die Augen für das Leben mit ihnen zu öffnen und mich niemals mit selbstgefälliger Blindheit zu schlagen.“
Das sind die Wünsche, mit denen ich mich heute an den Dämon meiner Taiko wende. Vom ersten bis zum letzten Schlag auf die Trommelhaut stehe ich für die Ernsthaftigkeit dieser Wünsche ein.
Schlussbemerkung
Ich denke, dass ich mit diesem Text einen kleinen Einblick in den Bereich „Taiko und Dämonen“ gegeben habe.
Ich möchte über dieses Thema darüber hinaus jedoch nicht weiter schreiben, sprechen oder es auf irgendeine Art mystifizieren.
Und auch über die eigenen Erfahrungen, die ich oder andere mit ihren Taikodämonen gemacht haben, sollte meiner Meinung nach nicht in großer Runde gesprochen werden. Jede einzelne dieser Begegnungen sollte als seltenes Geschenk betrachtet und dementsprechend gehütet werden.
Es mit einer Gruppe von Menschen zu teilen, denen unter Umständen der Sinn für solche Begegnungen und deren Zusammenhänge fehlt, bringt vielleicht den kurzen und vergänglichen Augenblick im Mittelpunkt zu stehen. Die Begegnung mit dem Dämonen wird durch dieses Gebaren jedoch abgewertet und wie ich glaube auch inhaltlich entwertet.
Ich glaube daran, dass jede Taiko[6] von einem Dämonen beseelt ist. Jedoch bin ich der Meinung, dass die Trommler der westlichen Welt nicht ohne Reflektion japanische Verhaltensweisen in Bezug auf die Dämonen adaptieren sollten.
Meiner Meinung nach sprechen diese Dämonen die Sprache der Gefühle. Gefühle, die weder das gesprochene Wort, noch Verhaltens-, Bewegungs- oder Zeremonialformen benötigen um verstanden zu werden.
Wir haben in unserer Welt die Möglichkeit den Dämonen unserer Taikos in der uns eigenen Art und Weise zu begegnen.
Nach dem was ich in Japan gelernt habe, erwarten die Dämonen nichts weiter als Aufrichtigkeit im Tun und den ihnen angemessenen Respekt.
Respekt, warum, wozu und gegenüber wem?
Falls man selbst noch nicht seinem eigenen Taikodämon begegnet ist, könnte in der Beantwortung dieser Fragen der erste Schritt in seine Richtung liegen.
[1] Maximal acht Trommler pro Gruppe
[2] Meine Taikos
[3] Der Ausdruck „Sprache“ ist hier als Symbol für Gemeinsamkeiten jeder Art zu verstehen.
[4] Der durchaus vorhanden ist.
[5] Nicht durch übertriebenes Reden und Selbstproduktion, sondern durch glaubwürdige Ernsthaftigkeit.
[6] Ebenso wie jeder andere Gegenstand der dazu dient Wünsche zu transportieren und zu bewahren.