Wadaiko Ichiro

 

Begegnung mit japanischen Trommlern auf Europatournee

 

„Dem musikalischen Anspruch gerecht werden, aber die traditionellen Wurzeln nicht verlieren.“

 

Das klingt nach einem Spagat zwischen den Welten der Moderne und des Traditionellen und macht zunächst misstrauisch. Zu oft ist dabei etwas entstanden, das man als nicht Fleisch nicht Fisch bezeichnen könnte.

Nun, Ichiro Inoue unternimmt mit seinen Trommlern diesen Spagat. Unter dem Gruppennamen „Wadaiko Ichiro“ schlagen sie die mächtigen japanischen Taikos und übersetzen ihren Namen selber mit „voll Ergebenheit und Hingabe die Taiko schlagen“.

Das Tourplakat  zeigt einen einzelnen Trommler, seine Trommelstöcke weit in den Himmel gereckt, vor einer der riesenhaft wirkenden O Daikos.

Für den Menschen der schon einmal die japanischen Taikos gehört und vor allem gesehen hat, stellen sich angesichts dieses Plakates keine weiteren Fragen mehr. Spagat hin oder her, bei den Konzerten der japanischen Trommelgruppen  treffen Urgewalten aufeinander, werden Kräfte entwickelt, die in dieser Form nirgendwo sonst entstehen könnten.

Gruppen wie „Ondekoza“ oder „Kodo“ sagt man nach, dass  sie in Japan für eine Renaissance in der Kunst die Taiko zu schlagen gesorgt haben. Ob dem Taiko vor dem entstehen dieser Gruppen dabei wirklich das Schicksal des Vergessens drohte , wage ich heute zu bezweifeln. Jedoch den Ruf das Taiko in die westliche Welt  hinausgetragen zu haben,  tragen besonders diese beiden Gruppen zu Recht.

1970 begann Tagayasun Den, ein Meister und Bewahrer traditionell japanischer Künste, auf der Insel Sado junge Japaner um sich zu versammeln, um sich mit ihnen Abseits jeder gesellschaftlichen Hektik ganz dem Schlagen der Taiko zu widmen.

Die Trommler gaben sich den Namen „Ondekoza“ - die dämonischen Trommler - und auch der jugendliche Ichiro Inoue gehörte zu den Dämonentrommlern der ersten Stunde.

Mitte der 70er Jahre wuchteten die „Ondekoza“ ihre Taikos erstmals in die Musiktempel der westlichen Welt und lösten bei den Zuschauern bereits mit den ersten Schlägen eine begeisternde Faszination aus, die sich bis heute hielt.

Als es Ende der 70er Jahre, bedingt durch Spannungen innerhalb der Gruppe, zum Bruch unter den Trommlern kam, gründete ein Teil von ihnen die Gruppe „Kodo“.

„Kodo“ wurde in der westlichen Welt lange mit „Herzschlag“ übersetzt. Aber seit einigen Jahren übersetzten die Trommler selber ihren Namen auch mit „Kinder der Trommel“.

Obwohl die Gruppe „Ondekoza“ auch weiterhin bestand, schien es lange Zeit so, als würde „Kodo“ die Rolle des Botschafters der Taiko in der westlichen Welt übernehmen. Das Taiko wird dementsprechend auch heute noch fälschlicherweise oft als „Kodotrommeln“ bezeichnet. Es gab zu diesem Zeitpunkt in unseren Breiten kaum hintergründiges Wissen über das Taiko und seine Gruppen in Japan, denn wie bereits gesagt, schien es lange Zeit so als seinen „Ondekoza“ und nun auch „Kodo“ die einzigen Bewahrer dieser Kunst.

Beide Gruppen galten zu jeder Zeit ihres Bestehens als Schmiede für Spitzentrommler. So verwundert es auch nicht, dass eine Vielzahl der heute bekannten Trommler Japans ihre Karriere bei einer dieser beiden Gruppen begannen.

Ichiro Inoue, der unter der Leitung von Tagayasun Den mit dem Schlagen der Taiko begann, brachte es bis zum trommeltechnischen Leiter bei „Ondekoza“. Von 1987 bis 1989 lenkte er den künstlerischen Weg der Gruppe. Dann entschloss er sich dazu, seine eigene Gruppe „Wadaiko Ichiro“ ins Leben zu rufen. Zu „Ondekoza“ besteht jedoch nach seiner eigenen Aussage nach wie vor eine gute Beziehung, die noch dazu durch Familienbande eng verknüpft ist, schlagen doch seine beiden Brüder, die Zwillinge Kouhei und Ryouhei Inoue die Taiko bei „Ondekoza“ auf höchstem Niveau.

Unter den japanischen Trommlern besitzt Ichiro Inoue nicht nur einen ausgezeichneten Namen als Trommler, sondern hat sich darüber hinaus auch noch einen guten Ruf als Komponist von Taikostücken erworben. Und so gibt es nicht wenige unter den japanischen Gruppen in deren Repertoire sich Stücke aus der Feder Ichiro Inoues finden lassen.

Als Gruppe besteht „Wadaiko Ichiro“ seit 1992. War zu Beginn der Gruppe das Durchschnittsalter der Trommler mit 25 bis 35 Jahren im Vergleich zu anderen professionellen Taikogruppen in Japan relativ hoch, betrug das Durchschnittsalter der neuen Trommler während der letzten Tour nur noch etwa 18 - 23 Jahre.

Für mich besaß jedoch die alte Besetzung mit fortgeschrittenem Alter der Trommler einen ganz besonderen Reiz. Zwar erreichten die Trommler nicht annähernd die außergewöhnlich hohe Schlagfrequenz mit der ihre jugendlichen Nachfolger heute das Publikum begeistern, aber insgesamt wirkte die Gruppe warmherziger, nahezu einladend in Richtung Publikum, sich dem Taiko gefühlsmäßig anzuschließen.

Heute ist die Gruppe „Wadaiko Ichiro“ eine perfekt instruierte Rhythmusmaschinerie, die das Publikum mit ihrer Kunst regelrecht in die Sitze stampft und sich so in die Riege der großen Namen wie „Ondekoza“ und „Kodo“ einreiht.

Für die Mitglieder der Gruppe steht das allabendliche Schlagen der Taikos im Lebensmittelpunkt.

Die Letzte Europa Tournee der Gruppe begann am 3. Januar 1997 in Utrecht und fand ihr Ende sechs Monate später am 28. Juni  in Vlissingen. Sechs Monate  in denen die Gruppe über „einhundert“ Auftritte absolvierte und bei keinem dieser Auftritte verließen die Trommler die Bühne ohne dem begeisterten Publikum Zugaben zu geben. Über einhundert Auftritte bedeuten aber auch über einhundert Mal die Bereitschaft, sich völlig zu verausgaben und an den Taikos alles zu geben. So verlieren die Trommler während eines Konzertes leicht einige Kilos an Gewicht.

Allen Vermutungen zum Trotz  wird diese Dauerbelastung von den Mitgliedern der Gruppe jedoch nicht als Stress empfunden. Eher das Gegenteil ist der Fall. Spielpausen zwischen den Konzerttagen wirken sich auf die Gemüter der Trommler negativ aus und schnell macht sich eine von Unruhe erfüllte Langeweile breit.

Vor dem Konzert am 24. April  in der Düsseldorfer Tonhalle gab es eine solche mehrtägige Zwangspause. J.B. Baggerman von der gleichnamigen Amsterdamer Konzertagentur konnte nach dem Konzert nur den Kopf schütteln. Denn nach solch einer Pause ist es seiner Erfahrung nach so als sei ein Orkan in die Trommler und ihre Taikos gefahren. So auch in Düsseldorf. Die Trommler schlugen ihre Taikos wie von der Leine gelassene Besessene  und die Begeisterung,  die diese Demonstration rhythmischem Wahnsinns beim Publikum hinterließ, drückte sich an diesem Abend durch nicht enden wollende Beifallstürme aus.

Aber so sicher, so kraftvoll die Trommler während eines Auftritts doch wirken, so zerbrechlich und unsicher stellen sie sich dem Betrachter in den Stunden vor dem Auftritt, vor dem ersten Schritt ins allabendliche Rampenlicht dar.

Über einhundert Auftritte in sechs Monaten, bedeutet auch ständiger Wechsel von Ort zu Ort, bedeutet täglich neue Gegebenheiten und Veränderungen im Lebensumfeld.

Eine  Tatsache, die die kleine Gruppe von Trommlern eng aneinander rücken lässt. Der Gemeinschaftssinn, bei Japanern wie man weiß ohnehin schon hoch entwickelt, schweißt die Mitglieder der Gruppe zu einer Familie in der Fremde zusammen. Ichiro Inoue kommt dabei die Rolle des Familienvorstandes zu, während seine Frau Asagi, die sich ebenfalls in der Gruppe taikoschlagender Weise betätigt, die Rolle der Mutter inne hat.

Wo immer sich eines der Gruppenmitglieder während der Tournee aus dem Verbund der Gruppe lösen muss, sei es um etwas zu besorgen oder auch nur um in einem Postamt einen Anruf nach Hause zu tätigen, macht sich spürbares Unwohlsein breit.

Neben den Trommlern begleitet nur eine geringe Zahl niederländischer Techniker die Gruppe. Denn die meisten Handgriffe erledigen die Trommler selbst. Nicht ohne Stolz erzählt J. G. Baggerman in Düsseldorf, dass die Trommler für den Abbau und das Verladen ihrer Trommeln nur etwa 40 Minuten benötigen.

Eine Aussage, deren Wahrheitsgehalt ich schon am nächsten Tag im Theater der Stadt Remscheid überprüfen konnte.

Hatten sich die Trommler nach einem phantastischen Konzert  noch vor wenigen Augenblicken feiern lassen, standen sie keine 15 Minuten später umgezogen hinter dem Bühnenvorhang und sorgten mit geübten Handgriffen für den reibungslosen Abbau und das Verladen der großen bis zu 450 Kg schweren Taikos. Nach nicht ganz einer Stunde rollte der Truck bereits seinem nächstem Auftrittsziel entgegen.

Über einhundert Auftritte bedeutet auch ein Vielfaches an Übungsstunden. Die wurden jedoch bereits in Japan absolviert und ich möchte an dieser Stelle auch in Bezug auf andere Gruppen häufig gemachte Falschaussagen aus der die Touren begleitenden Tagespresse relativieren. Dort heißt es, dass die Trommler täglich 7 Stunden üben, 15 - 20 km joggen, an die hundert Taikos und Gongs mit sich führen oder dass auf der Bühne die größte japanische Trommel der Welt steht, die entspricht jedoch kaum der Wahrheit, sondern ist wohl eher der Ausdruck nachhaltiger Begeisterung die das Taiko auch bei den Vertretern der Presse hinterlassen hat.

Geübt wird, wenn dazu die Zeit reicht, in den Nachmittagsstunden, nachdem die oft Stunden beanspruchende Lichteinstellung und die Stellproben bzw. der Soundcheck abgeschlossen ist. Und  wenn sich vor dem Theater schon die ersten Zuschauer einfinden, hängen die Trommler, die sich auf der Bühne um Ichiro Inoue versammelt haben, an seinen Lippen und folgen mit den Augen jeder Geste des Meisters. Dem kleinen schwarzen Haarschopf, das Einzige was von Ichiro Inoues kleiner Tochter zu sehen ist, während sie barfuss die mit weißen Tüchern abgedeckten Sitzreihen des Theaters entlang fegt, schenkt nun niemand mehr seine Aufmerksamkeit.

„Ten te ke Ten te ke Ten Ten“, rasend schnell kommen die Worte in der Sprache der Shime Daiko, der kleinen mit starken Seilen gespannten Taiko, die im Programm der Gruppe als Taktgeber eine entscheidende Rolle spielt über Ichiro Inoues Lippen. Dabei deutet er auf den einen oder anderen Trommler, die ihm im Halbkreis gegenüber sitzen. Mit einem kurzen Kopfnicken und dem für Japaner obligatorischem „Hai“, signalisiert der so Angesprochene, dass er verstanden hat und bedankt sich gleichzeitig für die empfangene Lehre.

Dann beginnt das Spiel der Gruppe von neuen, bis zum nächsten „Fehler“, bis zur nächsten Anmerkung des aufmerksamen und strengen Lehrers. 

Sitzen bei der abendlichen Vorstellung dann alle Trommler mit Ichiro Inoue als gleichberechtigtem Trommler in ihrer Mitte am Bühnenrand mit der Front zum Publikum, dann wirkt ihr Schlagen der Taikos in perfekter Synchronizität, trotz der offensichtlich körperlichen Anstrengung doch in gewisser Weise leicht und fast schon verspielt.

Die Mühe und Anstrengung des Übens während der Vorbereitungszeit auf die Tournee in Japan und des ständigen Wiederholens während der Nachmittagsstunden scheint sich bei den Konzerten der Trommler gänzlich zu verflüchtigen.

Wenn sich für die Gruppe der abendliche Vorhang hebt und sie in den Lichtkegel der Scheinwerfer treten, scheint die Welt für die Trommler um Ichiro Inoue nur noch aus Rhythmus zu bestehen.

Ein Rhythmus, den sie auf ihren Taikos schlagen und der sich während des Abends wie selbstverständlich auf die Zuschauer, die Zuhörer überträgt. Und der für den kurzen Zeitraum des Konzertes alles im Saal befindliche mit sich nimmt auf eine Reise in eine andere Welt.

Die Welt der japanischen Götter, Geister und Dämonen, die Welt der Taiko.                                                             Zurück