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Begegnung zwischen Trommlern zweier Kulturen
Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, als sich die Wege der Gruppen Haguruma und Nanke Satake Daiko nach einigen gemeinsam absolvierten Auftritten in Deutschland im Juni 2003 wieder trennten.
Der Wunsch, dass Eisuke Shibata San, der Leiter der japanischen Gruppe „Nanke Satake Daiko“ zurück kommen sollte, um die Trommler von Haguruma Daiko zu unterrichten, wurde zwar geäußert und positiv bejaht, doch jeder, der bereits mit Japanern in Kontakt gekommen ist, weiß, dass üblicherweise ein „Ja“ erst am Anfang langwieriger Verhandlungen steht, um dann nicht selten mit einem „Nein“ beendet zu werden.
Dass Ausnahmen die Regel bestätigen, bewies mir Shibata San auf überraschende Weise. Denn bereits in der ersten Woche nach seiner Heimreise, kam das offizielle „O.K.“ aus Japan und stand auch der Termin für seine Rückkehr schon fest.
Im Oktober wollte er sein Angebot, unsere Trommler in der Taikotradition seiner Gruppe zu unterrichten, in die Tat umsetzten.
Unterstützt wurde unser Vorhaben neben der unschätzbaren Hilfe von Frau Claudia Bijelke-Holtermann, der ersten Vorsitzenden der DJG Siegburg, auch von Herrn Toshio Suzuki San , dem Bürgermeister der Stadt Yuzawa.
Dank der Möglichkeit weltweiter Kommunikation durch das Internet waren alle noch offenen Fragen auf diesem Weg schnell behoben und am 18. Oktober sollte sich zeigen, welch praktischen Weg die Arbeit zwischen zwei Kulturen nehmen würde.
Ein verhaltenes Klopfen an der Türe unseres Proberaums kündigte die Ankunft des mit Spannung erwarteten Lehrers an. Dabei muss an dieser Stelle gesagt werden, dass in diesem Augenblick wohl beide Seiten von Aufregung erfüllt waren. Zum einen freuten sich alle darauf den im Juni als Freund verabschiedeten Menschen Shibata San wieder sehen zu können, zum anderen wusste niemand wie der Freund als Lehrer sein würde. Auf der anderen Seite ging es Shibata San wohl ähnlich.
Doch der Leiter der Gruppe Nanke Satake Daiko überraschte die Trommler von Haguruma schon durch sein Erscheinungsbild.
In der traditionellen Kleidung des alten Japans gewandet betrat er in Begleitung von Claudia Bijelke-Holtermann zum ersten Mal den Raum in dem sich die deutschen Trommler in der Kunst seines Landes üben.
Schlagartig wurde mir bewusst, dass es auf meiner Seite noch unzählige Fragen gab, die meiner Meinung nach aufgrund des üblichen Prozedere hätten geklärt werden müssen.
Die Tatsache, dass Shibata San nach kurzer herzlicher Begrüßung, sofort mit dem Unterricht begann, belehrte mich auch hier eines besseren.
Nein, es gab keine Fragen, kein Prozedere. Er war zum Unterrichten gekommen und ohne weitere Umschweife setzte er den Grund seines Kommens in die Tat um.
Die Tatsache, dass er als Komponist und Arrangeur seiner Gruppe mit dem tatsächlichen Schlagen der Taiko nur bedingt zu tun hat, glich er durch die unermüdlich freundliche Natur seines Unterrichtswillens aus.
So vergingen die Unterrichtseinheiten wie im Fluge. Shibata San gab die Impulse und die Trommler wandelten diese in Schläge, Bewegungen und Rhythmen um.
Weder er noch die meisten unserer Trommler sind Menschen des langen Verweilens. Schlag auf Schlag fügte sich so ohne große Worte über seine Vorstellung vom Taiko - dem japanischen Trommeln - zu einem komplexen Stück zusammen. Er sollte in den nächsten Tagen mit unseren Fortgeschrittenen, den Anfängern und den Mitgliedern unserer Jugendgruppe arbeiten und für jede dieser Gruppen hatte er ein Stück vorbereitet, das auf die Fähigkeiten des einzelnen Gruppenstandards zugeschnitten war. Keines der Stücke ist als einfach zu bezeichnen und gleichzeitig überforderten sie niemanden. Parallel zum Taikounterricht wollte er interessierten Schülern einen ersten Einblick in das Spiel der japanischen Flöte „Shinobue“ geben. Zu meiner und sicher auch zu Shibata San´s Überraschung und Freude fanden sich mehr Interessenten, als von mir zunächst erwartet.
Das Ergebnis dieser wenigen Stunden, die uns als absolute Anfänger nur einen kleinen Einblick und erste einfachste Schritte ermöglichen konnten, ist, dass wir uns mit der Unterstützung unseres Mitgliedes Sebastian nun einmal in der Woche zusammensetzten, um gemeinsam an der gezeigten Technik zu arbeiten. Ziel ist bei unserem im nächsten Jahr stattfindenden Besuch in Japan mehr lernen zu können.
Eine der wichtigsten Fragen bestand in jeder Gruppe natürlich darin, welchen Namen das gelernte Stück trägt. Auch hier zeigte sich Shibata San von seiner geduldigen und verständnisvollen Seite. Alle Stücke trugen zunächst den einfachen Namen „Practice“, was sich schlicht mit „Übung“ übersetzten lässt. Die „Übung“ für die Anfänger und die Jugendlichen wird auch weiterhin diesen Namen tragen, sollen sie doch auch als solche angesehen werden.
Bei dem „Practice“ Stück für die Fortgeschrittenen zeigte sich jedoch bereits während der ersten Stunden, dass es sich hier um mehr handelt, als nur eine schlichte „Übung“. Bereits während unserer gemeinsamen Konzerte im Juni war eine Art Seelenverwandtschaft zwischen den Trommlern beider Gruppen zu spüren. Beide Gruppen schlugen die Taiko auf ihre ganz spezielle Art und doch gab es in beiden Gruppen ein Gespür und eine Akzeptanz dafür, wie sich die jeweils andere Gruppe mit der Taiko auseinandersetzt. In diesem Verständnis schrieb Shibata San seine „Übung“ für die Fortgeschrittenen Mitglieder der deutschen Gruppe. Die Wahrnehmung, wie beim Üben auf der praktischen, der theoretischen und der persönlichen Ebene alle Faktoren ineinander zu greifen begannen, veranlasste Shibata San bei der Überlegung wie das Stück nun letztendlich heißen sollte, einen Wunsch zu berücksichtigen, dem auch die deutschen Trommler zusprechen.
„KIZUNA – eine feste Verbindung“, der Name des Stücks, bringt den beiderseitigen Wunsch zum Ausdruck die entstehende Freundschaft zwischen Nanke Satake Daiko in Japan und Haguruma Daiko in Deutschland zu erhalten und zu vertiefen.
Persönlich möchte ich dazu anmerken, dass ich mich aufgrund der in Japan gemachten Erfahrungen bereits dazu entschieden hatte, mein Augenmerk mehr auf unsere Arbeit in Deutschland zu richten. Durch die in Freundschaft gereichte Hand Shibata San´s bin ich nun wieder bereit, das alte traditionelle Japan stärker in mein Denken mit einzubeziehen.
Das Leuchten der Seele des alten Japans, die Tradition, begann sich für mich mehr und mehr durch die grellen Lichter der Moderne zu verdunkeln.
Eisuke Shibata San, ein einfacher Mann, der die traditionelle Kleidung seines Landes mit einer Natürlichkeit trägt, als gäbe es nichts anderes, hat unseren Trommlern mit seiner lebendigen Persönlichkeit gezeigt, dass das Leuchten der Seele des alten Japans weiter lebendig ist.
In den wenigen Stunden, die uns zu Gesprächen blieben, wurde mir bewusst, wie sehr Shibata San mit der Seele seines Landes und seiner Geschichte verbunden ist. Trotz der sprachlichen Hindernisse verstehe ich seine Gefühle, die er mit Japan, seinen Menschen, den Göttern, den Geistern und den Ahnen verbindet.
Und ich bin dankbar für sein Angebot an seinen Gefühlen teilhaben zu dürfen. Es ist ein beruhigendes Gefühl auf der anderen Seite der Erde einen Menschen zu wissen, dessen Denken in die gleiche Richtung geht und zu dem trotz der Entfernung eine feste Bindung besteht.