DEUTSCHE TAIKO FOUNDATION
Informationsblatt I: Idee und erste Inhalte
„KODO ist STOMP mit anderen Mitteln und BLUE MAN GROUP mit anderen Wurzeln.“
coolibri, Januar 2008Bisher war es so, das sich der Vergleich zwischen westlichen Performance Gruppen wie STOMP oder der BLUE MAN GROUP, auf Taikogruppen wie YAMATO oder TAO beschränkte. Auch wenn diese Gruppen kein traditionelles Taiko vertreten bzw. Anspruch darauf erheben, hatte ich meine Schwierigkeiten mit solchen Vergleichen, da meiner Meinung nach das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Das nun mit KODO eine Taikogruppe zum Vergleich herangezogen wird, die einen gänzlich anderen Taikoweg verfolgt, als ihn YAMATO oder TAO beschreiten, bestätigt mich in der Annahme, dass kaum jemand die Unterschiede zwischen dem traditionellen Taiko und dem Taiko als Bestandteil einer Performance oder Rhythmusperformance westlicher Gruppen kennt, geschweige denn zur Kenntnis nehmen will.
Das Taikobild in Deutschland wird heute in erster Linie von Gruppen wie YAMATO oder TAO geprägt, die sich dem Publikum vor allem mit einer perfekten Bühnenshow präsentieren. Also in einer Darstellung, in dem das Taiko lediglich ein Bestandteil dieser Inszenierung ist. Mit dem traditionellen Taiko hat dies jedoch kaum noch etwas zu tun. So begegnen mir in meinem Unterricht also immer wieder Menschen, die sich von YAMATO inspiriert, unter völlig falschen Vorraussetzungen in einem Taiko üben wollen, das nur wenig mit dem traditionellen Taiko Japans zu tun hat. Statt sich mit dem Taiko als Bestandteil einer Show auseinandersetzen zu können, sehen sie sich unerwarteter Weise mit den engen Vorgaben einer Tradition konfrontiert.
„Aus Sicht der Traditionalisten spielt man gar nicht für ein Publikum. Wenn überhaupt, dann spielt man für die Götter. Und das ist eine ernsthafte Sache, da wird nicht gelacht und da soll auch niemand lachen dabei, denn man macht das nicht zum Spaß, sondern das ist eine ernsthafte Geschichte und im Prinzip ist es ein Frevel, das Taiko-Spiel zur Unterhaltung für Publikum zu machen.“
Masa Ogawa, Leiter der Gruppe „Yamato“
Die Gruppen, die sich zu einer Zusammenarbeit mit Haguruma Daiko entschieden haben, beschäftigen sich bereits intensiv mit dem traditionellen Taiko. Dementsprechend blickte ich zunächst in fragende Gesichter, als ich die ersten leitenden Mitglieder unserer Partnergruppen mit der Idee zur Gründung einer Taiko Foundation konfrontierte.
Was sollte eine solche Foundation für einen Sinn haben? Alle Gruppen innerhalb dieser Zusammenarbeit sehen sich als gefestigt und bodenständig und haben somit ihr Tätigkeitsfeld klar umrissen. Die Gruppen, die seit mehreren Jahren existieren, arbeiten innerhalb des Taiko bereits mit einem Verständnis, das sich stark an den Traditionen des japanischen Taiko orientiert. Damit haben sie sich bereits deutlich von den Gruppen distanziert, die das Taiko in einem anderen Verständnis vertreten. Trotzdem arbeitet jede dieser Gruppen an ihrem Standort mehr oder weniger auf sich gestellt und ohne engen Kontakt zu gleich gesinnten Gruppen in Deutschland.
Im Rahmen der von mir seit dem Jahre 2002 angebotenen Lehrerausbildung, konnten die leitenden Mitglieder der einzelnen Gruppen bereits Kontakte zu den Leitern der teilnehmenden Gruppen knüpfen und sich auf einer gleichberechtigten Ebene regelmäßig austauschen.
Die Gründung einer DEUTSCHEN TAIKO FOUNDATION betrachte ich als logischen Schritt auf die nächste Ebene dieses Austausches.
„Die Menschen sollen Spaß an der Taiko haben, es soll auch zeitgemäß sein und junge Leute ansprechen und es soll cool sein, sich damit zu befassen – nicht nur für Japaner, sondern weltweit.“
Masa Ogawa, Leiter der Gruppe „Yamato“
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich den Faktor des „coolen“ Spaßes innerhalb der Entwicklung, die das Taiko in Deutschland zur Zeit nimmt, mit sehr kritischen Augen betrachte und so sehe ich in der Gründung der DEUTSCHEN TAIKO FOUNDATION auch so etwas wie eine „uncoole“ freiwillige Selbstkontrolle des traditionellen Taiko. Wer soll oder will beurteilen was schlecht oder was gut ist? Eine Frage die sich sofort stellt, wenn von freiwilliger Selbstkontrolle gesprochen wird. Doch es geht hier nicht darum wer soll oder wer will, sondern um die Frage ob und wann es jemand macht.
Warum ich mich dazu entschieden habe es zu machen, lässt sich einfach erklären.
Ich habe mich, bevor ich mit dem Taiko begann, über zwei Jahrzehnte bemüht den Menschen, die sich dafür interessierten, einen Einblick in die Inhalte, Hintergründe und Traditionen der chinesischen Kampfkunst im Allgemeinen und des Süd Shaolin Kung Fu im Besonderen zu geben. Das ging so lange ohne Probleme, bis auch China das Kung Fu als Devisenquelle für sich entdeckte und Hochleistungsakrobaten im Kostüm der Shaolin Mönche auf Kasperle Tournee um die Welt schickte. Ich möchte die technischen Fähigkeiten dieser angeblichen Mönche überhaupt nicht in ein schlechtes Licht stellen, nur hatte es leider kaum etwas mit der traditionellen Kampfkunst Chinas zu tun. Und leider sahen die angeblichen Mönche auch keine Notwendigkeit darauf hinzuweisen, dass ihre durchaus perfekte Vorführung im Wesentlichen nicht mehr war als ein Kung Fu Kasperletheater. Da die Zuschauer jedoch von diesem Zeitpunkt an die Leistungen dieser angeblichen Mönche als das Maß aller Dinge ansahen und mit eben dieser Erwartung und ohne die Bereitschaft etwas anderes lernen zu wollen die bereits bestehenden Schulen aufsuchten, wurde in wenigen Jahren die Arbeit von Jahrzehnten zunichte gemacht. Heute sind die Schulen in denen das traditionelle Kung Fu Chinas unterrichtet wird kaum noch zu finden.
Im Bezug auf das Taiko zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung ab. Auch das von den Gruppen YAMATO oder TAO präsentierte Taiko, hat kaum noch etwas mit dem traditionellen Taiko und seinen Inhalten zu tun. Es führt nicht nur auf einen anderen Weg, sondern weckt beim Publikum ein Interesse, dem keine traditionelle Taikoschule gerecht wird oder überhaupt gerecht werden will. Nach über 400 Taiko Workshops, die ich in den vergangenen 10 Jahren überall in Deutschland gegeben habe, denke ich, es ist für jeden nachvollziehbar, dass ich keine große Lust verspüre, mich mit einem Ahnungslosen auseinander zusetzten, der zuvor einen Workshop bei der Leiterin der Gruppe GOCOO besucht hatte und daraufhin in meinem Unterricht zu dem Schluss kam, dass das von mir unterrichtete Taiko wohl kein „echtes“ sei.
Dies soll nur als ein Beispiel von vielen dienen. Ich habe in den vergangenen 17 Jahren bereits soviel wirklich Schlechtes gesehen, dass es einfach an der Zeit ist dieser Entwicklung etwas Positives an die Seite zu stellen. Und was würde sich besser dazu eignen als der Zusammenschluss der Gruppen, die die Bereitschaft in sich tragen sich offen darzustellen und sich in Bezug auf die Qualität des von ihnen vertretenen Taikos über den Zusammenschluss nach außen nachvollziehbar selber kontrollieren? Das gibt nicht nur allen Mitgliedern das stärkende Gefühl der Zusammengehörigkeit, sondern stellt für einen möglichen Interessenten gleichzeitig einen Qualitätstandart dar, den es so bisher in der in Europa existierenden Taiko Szene nicht gibt.
Das Ziel ist die DEUTSCHE TAIKO FOUNDATION als eingetragenen Verein zu organisieren. Die Mitgliedschaft innerhalb der DEUTSCHEN TAIKO FOUNDATION ist freiwillig und da sie sich ausschließlich über Spenden finanziert, für ihre Mitglieder kostenlos. Es gibt kein Aufnahmeformular, keine Ausweise und keine Prüfungen die man Ablegen könnte um einen Grad zu erreichen. Die bitte um Aufnahme kann formlos an jede Gruppe gestellt werden, die bereits Mitglied der DEUTSCHEN TAIKO FOUNDATION ist und wird von dieser an alle anderen Mitgliedsgruppen weitergeleitet. Die Aufnahme erfolgt dann innerhalb eines Monats über den einstimmigen Beschluss aller Mitgliedsgruppen und wird bei einer positiven Entscheidung über die Internetseiten aller Mitgliedsgruppen bekannt gegeben.
Nach außen gesehen soll eine Plattform gebildet werden, die allen Interessenten einen Einblick in die Arbeit der einzelnen Mitgliedsgruppen bietet. Jedem, der sich für das traditionelle Taiko interessiert, soll über die DEUTSCHE TAIKO FOUNDATION die Möglichkeit geboten werden, sich über die Inhalte der einzelnen Mitgliedsgruppen zu informieren und bei Bedarf entsprechende Ansprechpartner zu finden.
Das so entstehende Netzwerk kann von jeder Mitgliedsgruppe genutzt werden und bietet über die Möglichkeit der Information eine Unterstützung der regionalen Arbeit der einzelnen Gruppen. Um das Ziel der oben genannten freiwilligen Selbstkontrolle zu erreichen, erklärt sich jede Mitgliedsgruppe dazu bereit mit dem Eintritt in die DEUTSCHE TAIKO FOUNDATION ein Gruppenprofil zu erstellen, über das ein Interessent alle Informationen erhält, die er benötigt um für sich entscheiden zu können, ob die betreffende Gruppe tatsächlich in einem traditionellen Verständnis arbeitet.
Darüber hinaus soll die bereits bestehende Zusammenarbeit mit japanischen Taikogruppen intensiviert werden. Mit Blick auf eine mögliche spätere Zusammenarbeit mit der NIPPON TAIKO FOUNDATION richtet sich das Angebot einer Mitgliedschaft in der DEUTSCHEN TAIKO FOUNDATION ausschließlich an Gruppen die bereits über einen nachvollziehbaren traditionellen Hintergrund verfügen oder in Zukunft einen solchen Weg ernsthaft beschreiten wollen.
Peter „Su“ Markus, Januar 2008